Jugendarbeit trotz(t) Corona

Jugendarbeit trotz(t) Corona

Jugendarbeit in Zeiten von Corona und Kontaktverbot, das ist unter anderem das Thema des neuen „Jupf-Info“, das vor wenigen Tagen erschienen ist. Aufgrund der aktuellen Coronavirus-Pandemie ergeben sich auch für die Jugendarbeit im Bereich der Evangelischen Jugend in Köln und Umgebung vielfältige Herausforderungen und Fragestellungen. In dieser unübersichtlichen Zeit versucht das Evangelische Jugendpfarramt einige Antworten auf Fragen zu geben. Diese reichen von „Ausfall und Absage von Maßnahmen“ und den Folgen daraus, dem Umgang mit Honoraren, über das Thema Sommerfreizeiten bis hin zu einer „CORONA-RÜCKWÄRTS-PROGNOSE“. Darin zitiert das „Jupf-Info“ den Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx. Dieser sagt: „Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn ‚vorbei sein wird‘, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals.“ Hierzu erklärt Horx weiter, dass es historische Momente gebe, in denen die Zukunft ihre Richtung ändere.

Demnach kann es sein, dass auch Kinder und Jugendliche ihre Sichtweise von Kirche verändern. Genau die hat Professor Dr. Tobias Künkler, Leiter des Forschungs-Institutes empirica für Jugendkultur und Religion an der CVJM-Hochschule in Kassel und Professor für Interdisziplinäre Grundlagen der Sozialen Arbeit, untersucht. „Welches Bild von Kirche haben Jugendliche? Welche Rolle spielt der Glaube noch? Wie prägt der christliche Glaube ihr Alltagsleben? Warum und wofür engagiert sich diese Generation? Woran glaubt sie genau?“ Diesen Fragen ist er gemeinsam mit seinem Team nachgegangen.

Vier Jahre lang haben Künkler und seine Kolleginnen und Kollegen sich mit der so genannten „Generation Lobpreis“ im kirchlichen Bereich auseinandergesetzt und in der gleichnamigen Studie gefragt: „Welche Rolle spielt der Glaube heute noch für evangelische Jugendliche? Wie prägt der christliche Glaube ihr Alltagsleben?“. „Das Verhältnis von Jugend und Kirche ist kompliziert“, berichtet Künkler hierzu von seinen Beobachtungen. So hat er einen Traditionsabbruch und einen weit reichenden Verlust der Gemeindebindung bei jungen Menschen festgestellt und eine Pluralisierung aller Lebenslagen. Aber weltweit könne man auch sehen, dass „die Säkularisierungsthese an ihr Ende kommt“. Der Glaube der Jugendlichen hat sich nach der Studie privatisiert. „33 Prozent der Jugendlichen finden den Glauben für ihr Leben wichtig, 29 Prozent glauben an Gott als Person, 27 Prozent an eine überirdische Macht, 26 Prozent glauben nicht“, lautet das Ergebnis einer der zahlreichen Umfragen aus der Studie.

Dr. Tobias Künkler ist Professor für Interdisziplinäre Grundlagen der Sozialen Arbeit an der CVJM-Hochschule in Kassel

Innerhalb der evangelischen Kirche, und damit meint Künkler „alle Kirchen der Reformation“, beträgt der Anteil der Hochreligiösen unter den Jugendlichen rund 20 Prozent. Glaube sei natürlich schwer messbar, so der Professor. Hochreligiös seien die, bei denen das Wissen über die Religion sehr groß sei und bei denen dieses dann Konsequenzen für den Alltag habe, im Zentrum ihrer Persönlichkeit stehe und in alle Lebensbereiche ausstrahle. Hochreligiöse versuchten auch, „politische und religiöse Überzeugungen irgendwie miteinander in Verbindung zu bringen“, so Künkler weiter. Allerdings sei diese Gruppe nicht homogen. Auch die Frage, wo Hochreligiöse sozial verortet sind, wurde gestellt. „Sie stammen aus sehr vielfältigen Milieus. Der Bildungsgrad der Familien ist sehr hoch. Sie stammen eher aus Aufsteigerhaushalten“, erklärt Künkler weiter. In ihnen spiegele sich viel von dem, was die Generation der 13- bis 29-Jährigen generell ausmache. Sie neigen zum Pragmatismus, weil die Gesellschaft sich immer schneller verändert. Da sei die Religion geeignet als Versuch, sich an irgendetwas Verlässlichem festzuhalten.

Diese Generation könne sich eher Apokalypsen als Utopien vorstellen, stellten die Wissenschaftler fest. Als Engagierte bei „Fridays for Future“ seien die Jugendlichen aber auch sehr gegenwartsorientiert. Die Familie werde als Sinn des Lebens gesehen, trotz der Hyperindividualsierung des Einzelnen. In der Shell-Studie 2019 zur Jugendkultur haben Künkler und sein Team drei Dimensionen festgestellt: Soziale Herkunft, Werte und die Ästhetik des Alltags. Die Studie zeige, dass innerhalb der jungen Generation die so genannten „aufstrebend Macher“ die größte Gruppe bilden. Bei Shell machen die „Macher“ rund 32 Prozent aus, bei den Hochreligiösen, die Künkler befragt hat, sind das 40 Prozent. Letztere sind in der Wertedimension „Tugend und Sicherheit“ sehr stark vertreten, aber auch bei den idealistischen Werten wie „Hilfe für den Nächsten“ und bei den hedonistischen Werten wie „Lebensgenuss und Macht und Einfluss“.

Die klassischen Jugendkulturen seien an ihr Ende gekommen, lautet die These des Professors. Es gebe eine „postkulturelle kulturelle Erschöpfung“. Punk, Gothic und so weiter spielten kaum noch eine Rolle. Hochreligiöse hätten eine hohe Gemeindebindung und fühlen sich von Gott bedingungslos geliebt. Sie seien überzeugt davon, dass vor Gott ihre Sünden nicht verborgen bleiben und dass Gott einen Plan für sie hat. Aber es gebe auch Durchmischungen. Janine, 14 Jahre alt, habe beispielsweise gesagt: „Ich bin gerne evangelisch, wie hier Yin und Yang perfekt zueinander passen.“ Hochreligiöse Jugendliche hätten auch hohe Erwartungen an Gottesdienste. Jesus Christus sollte nach ihrer Ansicht im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Sie hätten eine hohe Motivation für das Ehrenamt, wüssten aber auch: „Das ist gut für meinen Lebenslauf.“ 50 Prozent der Hochreligiösen von ihnen können sich gut vorstellen, später im kirchlichen Dienst zu arbeiten. „Von daher ist das eine wichtige Gruppe, die die Kirche auf jeden Fall im Blick halten sollte“, empfiehlt Künkler den Kirchen.

Wenn die Thesen von Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx ernstgenommen werden sollten, müsste dies auch Einfluss auf die kirchliche Bindung von Kindern und Jugendlichen haben. Das aktuelle „Jupf-Info“ verweist auch auf viele Interaktionsmöglichkeiten im digitalen Bereich mit jungen Menschen. Hier könnte eine Chance für neue Erfahrungen liegen, die Kinder und Jugendliche mit Kirche machen können. Das aktuelle „Jupf-Info“ und weitere Informationen zur aktuellen Situation der Jugendarbeit in der Zeit der Corona-Krise finden Sie unter www.jupf.de.

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann

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